Gestaltung für die „Fünf Wege zum Wohlbefinden“

Die Erforschung des Wohlbefindens ist eine noch relativ junge wissenschaftliche Disziplin. Das Projekt „Foresight“ der britischen Regierung hat nun fünf Faktoren herausgearbeitet, die nachweislich Auswirkungen auf das Wohlbefinden haben1.  Unter Berücksichtigung verschiedener Blickwinkel führten diese zur Definition der „Fünf Wege zum Wohlbefinden“ (Kontaktpflege, Aktivität, Wahrnehmung, Lernbereitschaft, Hilfsbereitschaft).Nun stellt sich die Frage, wie sich Gebäude entwerfen lassen, um einen positiven Einfluss auf diese fünf Faktoren zu nehmen.

Von Koen Steemers, Professor für Nachhaltiges Design und ehemaliger Leiter der Fakultät für Architektur an der Universität Cambridge.

Anregungen für die Gestaltung 

Gestaltungskonzepte mit einem Fokus auf den Faktor Wohlbefinden sollten auf die Bedürfnisse, Verhaltensweisen und Anforderungen der Nutzer eingehen, um ihnen die Möglichkeit einzuräumen, ihre Umgebung möglichst frei zu gestalten und selbst zu kontrollieren.

Aus den verfügbaren Forschungsergebnissen lässt sich keine universelle gestalterische Lösung ableiten, die jeden Gesundheitsparameter gleichermaßen optimiert und ein Wohlbefinden der breiten Bevölkerung generell garantiert. Planer sollten aber wenigstens berücksichtigen, dass direkte physische Gesundheitsparameter, wie z. B. Luftqualität, ein Niveau erreichen, das als „ausreichend gut“ eingestuft werden kann, um zumindest eine Verschlechterung des Gesundheitszustands auszuschließen. Vielmehr sollte die Chance genutzt werden, neue Erkenntnisse in das Design einfließen zu lassen und die Gebäudenutzer dadurch zu einem Verhalten zu motivieren, das die Gesundheit fördert.

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Die Tatsache, dass es in Gebäuden und dem öffentlichen Raum viele individuelle Nutzungsanforderungen verschiedenster Zielgruppen gibt, legt den Schluss nahe, dass Architekturen und Freiräume anpassungsfähig sein sollten. Dies ist insbesondere im Kontext des demografischen Wandels und des Klimawandels relevant, aber auch angesichts der veränderten Arbeits- und Lebensweisen sowie der Verfügbarkeit neuer Technologien. Gestaltungskonzepte sollten daher auf die Bedürfnisse, Verhaltensweisen und Anforderungen der Nutzer eingehen, um ihnen die Möglichkeit einzuräumen, ihre Umgebung frei zu gestalten und zu kontrollieren.

Es hat sich eine Reihe von Methoden entwickelt, die in nachfolgende Kernthemen untergliedert werden können:

Nachbarschaft und Natur

Es gibt zahlreiche Untersuchungen zur gesundheitsfördernden Gestaltung von Quartieren. Dabei bilden sich immer wieder bestimmte Gestaltungsmerkmale heraus:

  • Hohe multifunktionale Erschließungsdichte fördert das Laufen und Radfahren (Aktivität) für den Zugang zu lokalen Dienstleistungen (Kontaktpflege) – einschließlich des Zugangs zu öffentlichen Verkehrsmitteln, Gesundheitsdiensten und sozialen Einrichtungen usw. – und eine geringere Abhängigkeit vom Auto.
  • Die Verfügbarkeit vielfältiger öffentlicher Räume (größer als private Gärten), einschließlich einer Vielzahl zugänglicher Grünflächen hoher Qualität (zum Spielen, Sporttreiben, Verweilen, Schrebergärten, soziales Miteinander usw.) sowie öffentlicher Plätze (idealerweise verkehrsfrei oder -beruhigt, zum Spielen, Essen usw.). All das unterstützt die „Fünf Wege zum Wohlbefinden“.
  • Eine gute Ausstattung von öffentlichen Flächen und Hingucker im öffentlichen Raum, die das Interesse (Wahrnehmung) wecken – z. B. Artenvielfalt (Förderung der Reichhaltigkeit von Flora und Fauna), Sitzgelegenheiten oder WLAN – fördern die soziale Interaktion (Kontaktpflege und Hilfsbereitschaft) und erweitern die Nutzungsmöglichkeiten der Flächen.
  • Gerade an der Schwelle zwischen Wohnung und Nachbarschaft bietet sich – vor allem in dicht besiedelten Gebieten – eine Begrünung an, um Kontakt mit der Natur herzustellen, aber auch ein gewisses Maß an Abtrennung und Privatsphäre zu gewährleisten.
  • Die Aussicht auf die Nachbarschaft und Natur von zu Hause aus wird mit psychologischen Vorteilen assoziiert und fördert die soziale Interaktion (Kontaktpflege) und Beobachtung (Wahrnehmung). Niedrige Fensterbretter und zu öffnende Fenster sind in diesem Zusammenhang wertvolle Aspekte.
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Foto: Thekla Ehling 

Bewegung und Zugänglichkeit

Da wir immer mehr Zeit unseres Lebens im Sitzen verbringen, ist die Förderung eines moderaten Maßes an Aktivität ein wichtiger Aspekt, um die Herzgesundheit zu verbessern, Übergewicht entgegenzuwirken und die allgemeine Fitness zu wahren (Aktivität). Das empfohlene Maß beträgt mindestens dreißig Minuten moderater sportlicher Betätigung (> 3 METS, Radfahren oder zügiges Gehen (MET = metabolisches Äquivalent, das den Energieverbrauch unterschiedlicher Aktivitäten beschreibt) an fünf oder mehr Tagen pro Woche oder zwanzig Minuten intensiver körperlicher Ertüchtigung (> 6 METS, Jogging oder Fitnessübungen) an drei oder mehr Tagen pro Woche.3 

Auch wenn Fitnessstudios bei einigen Zielgruppen immer beliebter werden (und auch die Kontaktpflege fördern können), sollte das Ziel doch lauten, die Fitness aller Menschen zu verbessern. Treppensteigen ist eine simple und effektive Methode, die gerade im fortgeschrittenen Lebensalter der Tendenz zur Inaktivität entgegenwirkt. Statt eines Bungalows als Altersruhesitz, der zwangsläufig zu einer reduzierten körperlichen Betätigung führt, erhöht das Leben in einem dreistöckigen Haus automatisch den persönlichen Energieverbrauch durch körperliche Aktivität. Zusätzlich trägt die höhere Bebauung meist zu einer größeren Wohnraumdichte bei, was wiederum weitere nachhaltige Gestaltungsmöglichkeiten schafft.

Forschungen zum menschlichen Energieumsatz durch körperliche Aktivität innerhalb von Gebäuden haben gezeigt, dass typische Büroangestellte an ihren freien Tagen körperlich noch weniger aktiv sind als am Arbeitsplatz. Ihr Gesamtaktivitätsniveau liegt dabei knapp unter dem empfohlenen Maß. Selbst eine minimale Steigerung der Aktivitäten im eigenen Haushalt und im Quartier – angeregt durch eine entsprechende Gestaltung – kann also der Gesundheit förderlich sein. Treppensteigen um ein Geschoss steigert den täglichen Energieumsatz um 3,3 %, ein zwanzigmaliges Aufstehen aus sitzender Position entspricht ca. 10 % der Stoffwechselaktivität eines gesunden Erwachsenen pro Tag4. Um die körperliche Aktivität zu fördern, können Maßnahmen zum Einsatz kommen, die den Nutzer subtil und versteckt zu mehr Aktivität zwingen:

  • Bewegung muss zu einem angenehmen Erlebnis werden, das belohnt wird (Vermeidung langweiliger Korridore, ausreichende natürliche Belichtung, Aussichten, abwechslungsreiche Räume und Flächen zur Begegnungen (Kontaktpflege), Kunst usw.). All dies unterstützt auch die Wahrnehmung und Aufmerksamkeit.
  • Trennung und Verteilung zentraler Räumlichkeiten und Funktionen, die das höchste Energielevel erfordern, auf unterschiedliche Etagen, um zur Bewegung anzuregen (Wohnbereich nicht auf derselben Etage wie Küche/Essbereich, Toiletten nicht auf jeder Etage).
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Foto: Thekla Ehling 

Ernährung

Schlechte Ernährungsgewohnheiten können zu Übergewicht und entsprechenden Gesundheitsproblemen führen. Die Vor- und Zubereitung (frischer) Speisen kann eine soziale Aktivität sein, wenn die Küche so gestaltet ist, dass die Interaktion mit anderen Mitgliedern des Haushalts oder der Gemeinschaft möglich ist.

Auf Quartiersebene fördert die Einrichtung von Schrebergärten zum Anbau frischer Lebensmittel die Gesundheit. Die hochwertigen Produkte, körperliche Betätigung und die soziale Interaktion steigen das Wohlbefinden. Die Abhängigkeit vom Auto für den alltäglichen Einkauf wird reduziert, ebenso der damit verbundene Energie- und Ressourcenverbrauch. Auch eine Verringerung des Verpackungsmülls durch die selbstproduzierten Lebensmittel trägt zur Nachhaltigkeit bei.

Ein Konzept bei der Wohnraumgestaltung ist es die Essenszubereitung zu inszenieren. Ähnlich einer Bühne wird die Kochzone von weiteren, leicht zugänglichen Arbeitsbereichen und Sitzgelegenheiten flankiert, so dass ein Gemeinschaftserlebnis entstehen kann. Um das daraus resultierende gemeinschaftliche Essen und die sozialen Interaktionen zu fördern, sollte sich der Essbereich auch nahe an der Küche befinden (möglicherweise aber einen Stock höher, damit man sich körperlich betätigen muss), was der Versuchung entgegenwirkt, zum Essen den Fernseher einzuschalten, aber auch eine Trennung in Bezug auf Lärm, Gerüche und Schadstoffe ermöglicht.

Raumklimaqualität
Licht

Natürliches Licht hat gegenüber elektrischem Licht eine Reihe von Vorteilen, darunter seine Variabilität und Effizienz sowie die Schaffung einer Verbindung zur Außenwelt. Tageslicht ist nicht nur eine kostenlose Lichtquelle und somit Teil einer energieeffizienten Strategie, sondern macht Räume lebendiger und sorgt für Abwechslung und Vielfalt. Darüber hinaus ist seine positive Wirkung auf die körperliche Gesundheit und die Vorbeugung der Winterdepression (saisonal-affektive Störung (SAD)) mittlerweile gut belegt. Allerdings kann zu viel Licht auch den Wohnkomfort und die Schlafqualität beeinträchtigen. Folgende Gestaltungsregeln können hilfreich sein:

  • Räume, die morgens genutzt werden (Schlafzimmer und Küche), sollten auf das Morgenlicht ausgerichtet sein, damit der der zirkadiane Rhythmus durch eine Lichtdosis stimuliert wird (die SAD-Lichttherapie schreibt ca. 10.000 Lux für 30 Minuten am Morgen vor).
  • Die zentralen Wohnräume sollten ein „gutes“ Tageslichtangebot bieten (im Durchschnitt mit einem Tageslichtquotienten von über 3 %) und ein für die Familie wichtiger Raum sollte mindestens zwei Stunden am Tag direktes Sonnenlicht aufweisen.
  • Hoch angebrachte Fenster bieten mehr Tageslicht und einen besseren Blick auf den Himmel (was insbesondere in dicht besiedelten Quartieren wichtig ist) sowie eine bessere Tageslichtverteilung im Raum.
  • Insbesondere Schlafzimmer sollten mit effektiven Verdunkelungsmöglichkeiten ausgestattet sein, um einen guten Schlafrhythmus zu unterstützen, beispielsweise in Form von wärmedämmenden Rollläden (für Kälteperioden) oder Jalousien mit verstellbaren Lüftungsoptionen (um die Belüftung bei Nacht während Hitzeperioden sicherzustellen).
  • Die persönliche Kontrolle über das Tageslichtangebot gibt den Bewohnern die Möglichkeit, die Bedingungen an ihre individuellen Anforderungen anzupassen und führt zu mehr Zufriedenheit mit der Umgebung. Fenster sollten eine Reihe von Möglichkeiten bieten (z. B. Lichteinfall von oben, von der Seite oder direkt einstrahlend, diffus, regulierbar mittels Fensterläden, Jalousien oder Rollos).
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Foto: Thekla Ehling 

Temperatur

Wie beim Licht sollte auch das thermische Gestaltungskonzept sowohl komfortable als auch stimulierende Bedingungen schaffen, wobei auch die klimatischen Bedingungen zur Steigerung der Energieeffizienz genutzt werden. Der Körper nimmt die thermische Umgebung nicht nur anhand der Lufttemperatur, sondern auch der Strahlungsbedingungen (z. B. Sonnenlicht), der Luftbewegung (z. B. natürliche Lüftung) und Wärmeleitung durch Oberflächenmaterialien (Holz fühlt sich warm an, Stein dagegen kalt) wahr. Jede dieser thermischen Eigenschaften schafft eine Möglichkeit der Gestaltung:

„Gestaltungsbasierte Interventionen können bessere Entscheidungen einfacher machen.“ 6

  • Nutzen Sie die Sonneneinstrahlung, um an kalten Tagen sonnige Plätze zu schaffen, z. B. Sitzgelegenheiten am Fenster (mit warmen Oberflächen) und sonnige Räume. Arbeiten Sie mit schweren Materialien, um die Wärme zu absorbieren und zu speichern.
  • Geben Sie dem Nutzer die Möglichkeit, sich einen geeigneten Ort zu suchen.  An einem heißen Tag kann ein kühler, schattiger Platz optimal sein, der aus Materialien besteht, die die Wärme gut ableiten und an dem ein angenehmer Windzug herrscht.
  • Laut der adaptiven Komforttheorie können thermische Bedingungen variieren und sind also nicht immer konstant oder optimiert. Schlüsselfaktoren für den Erfolg sind die Kontrolle durch die Bewohner und die Anpassungsfähigkeit der Gestaltung an die immer wieder unterschiedlichen Bedürfnisse und Präferenzen der Nutzer.
  • Zur Abkühlung von Gebäuden in Hitzeperioden eignen sich Öffnungen, die eine sichere nächtliche Belüftung ermöglichen (z. B. durch Ventilationsöffnungen) und die Prinzipien des Kamineffekts und der Querlüftung berücksichtigen. So kann beispielsweise die Höhe eines Treppenhauses genutzt werden, um warme Luft aufsteigen und oben entweichen zu lassen.

Akustik

Wie andere Aspekte der ökologischen Gestaltung auch, können die akustischen Bedingungen genutzt werden, um die Bedürfnisse und Präferenzen der Nutzer zu unterstützen. Zwar kann Lärm Stress verursachen, aber der akustische Kontakt mit der Umgebung und der Natur kann auch wertvoll sein. Gleichzeitig sind aber auch in Gebäuden Orte und Momente der Ruhe und der akustischen Privatsphäre willkommen. Völlige Stille ist nur selten gewünscht.

  • Um die Lernbereitschaft zu fördern, sollten ruhige, ungestörte Orte zum Lesen und Lernen vorhanden sein.
  • Für Aktivitäten wie Musik und Sport im Innenbereich, bei denen andere nicht gestört werden sollen, ist die akustische Abtrennung bestimmter Bereiche sinnvoll.
  • Fenster sollten sich öffnen lassen, um mit vorbeilaufenden Nachbarn Kontakt aufnehmen und Gespräche führen zu können.
  • Um auch in einem städtischen Umfeld natürlich Lüften zu können, sollte die Luftzufuhr mit schalldämmenden Maßnahmen versehen werden, so dass besonders nachts die Ruhephasen nicht durch Straßenlärm gestört werden.
  • Geräuschquellen wie Wasch- und Spülmaschinen sollten von Wohn- und Arbeitsräumen abgetrennt werden, um soziale und Lernaktivitäten nicht zu beeinträchtigen.
  • Berücksichtigen Sie beim Gang durch das Haus die Akustik: Ein Kiesweg macht die Bewohner auf Besucher aufmerksam, ein hallender Korridor oder Treppenaufgang kann anzeigen, dass hier Menschen versammelt sind, ein mit Teppich ausgelegter Flur dämpft Geräusche zum Arbeitszimmer, Polstermöbel und Textilien sorgen für ein ruhiges Schlafumfeld.

Qualität der Gestaltung

Die „Fünf Wege zum Wohlbefinden“ lassen sich noch mit einer Reihe weiterer Gestaltungsmerkmale beeinflussen, die im Folgenden kurz skizziert werden:

  • Die Farben in unserem Umfeld, z. B. die Innenwände, können unser Lernverhalten beeinflussen und somit in bestimmten Räumen gezielt eingesetzt werden, um das Lernen zu unterstützen. Forschungen haben gezeigt, dass „die Farbe Rot die Leistung bei Detailaufgaben verbessert [z. B. Hausaufgaben], während Blau die Leistung bei kreativen Aufgaben steigert [z. B. künstlerischen Tätigkeiten oder Diskussionen]“.7
  • Die Deckenhöhe kann für unser soziales Verhalten und die Konzentrationsfähigkeit eine Rolle spielen.
  • Jüngste Studien belegen, dass Menschen fokussierte Aufgaben wie Lernen oder Lesen in niedrigen Räumen besser meistern. Großzügigere Räumlichkeiten erweitern buchstäblich den geistigen Horizont und fördern abstraktere Denkweisen, aber auch die Kommunikationsfähigkeit. Daher bieten sich solche Räume insbesondere als Orte der sozialen Begegnung an.8
  • Die Raumgestaltung beeinflusst unseren Sinn für Komfort und Schönheit. Kurvenformen werden als angenehm empfunden: In kürzlich durchgeführten Experimenten „beurteilten die Teilnehmer Räume eher als schön, wenn sie gekrümmt und nicht geradlinig waren“. Die Forscher schlossen daraus, dass dieser „eindeutige Effekt der Kontur auf die ästhetische Präferenz auf die Architektur ausgeweitet werden kann“.9
  • Blaue und hohe Räume mit gekrümmten Konturen und Ausblick auf den blauen Himmel sind also prädestiniert für angenehme, gesellige und kreative Umgebungen. Rote, niedrige und geradlinige Umgebungen hingegen eignen sich besser zum Fokussieren, Konzentrieren und Lernen.
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Foto: Thekla Ehling 

Fazit

Gestaltungskonzepte zur Förderung von Wohlbefinden und Gesundheit umfassen eine Fülle von Kriterien. Grundsätzlich sollte die Gestaltung quantitative Anforderungen an die Gesundheit erfüllen, aber auch ergänzungs- und anpassungsfähig genug sein, um ein gesundheitsförderndes Nutzerverhalten zu unterstützen. Bei dem Versuch, ein technisch „perfektes“ Umfeld zu schaffen, laufen wir Gefahr, die Wichtigkeit der Stimuli außer Acht zu lassen, die die Nutzer zur Aktivität, Wahrnehmung und sozialen Interaktion anregen.

Gestaltungskonzepte sollten Anreize für positive Verhaltensänderungen setzen, nicht durch Bequemlichkeit und die übermäßige Kontrolle der Umgebung, sondern durch eine Reihe geeigneter Reize. Ein Extrembeispiel hierfür ist das „Bioscleave House“ von Gins und Arakawa, das in der Absicht gestaltet wurde, „das Leben durch Herausforderung zu stärken … zur physiologischen und psychologischen Erneuerung anzuregen durch eine Wohnumgebung, die bewusst unkomfortabel ist“.10 Dies wird unter anderem durch wechselnde Deckenhöhen, unterschiedliche Farbgebung, unebene und geneigte Fußböden sowie unbequeme Türgrößen erreicht. Dieser bewusst zu Verwirrung stiftende Ansatz mag extrem sein, eine gemäßigtere und pragmatischere Inszenierung der Architektur kann aber durchaus zur Förderung des Wohlbefindens beitragen.

Eine der Chancen der Architektur liegt darin, dass sie mit der Gestaltung von Form, Raum und Material unsere Beziehung miteinander und mit unserer Umwelt prägt. Es werden die räumlichen Rahmenbedingungen für die Interaktionen des Lebens geschaffen. Und zwar auf eine Weise, die unser Wohlbefinden steigert, unser Leben bereichert, es gesünder und angenehmer gestaltet. Zum Beispiel durch einen Sonnenstrahl an einem Fensterplatz in der Loggia, der einen Moment der Wärme und Ruhe schafft, kombiniert mit einem Blick in die Natur, weichen und schalldämmenden Sitzpolstern und dem angenehmen haptischen Gefühl des glatten Griffs beim Verstellen eines Holzfensterladens.

Unser Wohlbefinden ist mit solchen Momenten der Freude eng verknüpft. Wir begegnen solchen Stimuli ständig in unserem Alltag, oftmals ohne dass sie geplant wären oder bemerkt würden. Für eine kumulative Wirkung lassen sie sich in einem Gebäude jedoch auch gezielt entwerfen und planen. Eine Studie zeigt beispielsweise, dass ein ganzheitlicher Ansatz für die Gestaltung von Schulen und Büros die Leistungsfähigkeit steigern kann. In ähnlicher Weise fördert die ganzheitliche Gestaltung von Krankenhäusern die Heilung. Ein schlechtes Gebäude bietet wenige solcher Momente und lässt unser Leben verkümmern, während gelungene Architekturen viele Momente der Freude schafft und so die „Fünf Wege zum Wohlbefinden“ unterstützen.

Quellen: 

  1. Foresight. (2008). Mental capital and well-being (Geistiges Kapital und Wohlbefinden). London: The Government Office for Science.

  2. Aked, J., Thompson, S., Marks, N., & Cordon, C. (2008). Five ways to well-being: The evidence (Fünf Wege zum Wohlbefinden: Belege). London: New Economics Foundation.

  3. US DHHS. (2000). Healthy people 2010: Understanding and improving health (2nd ed.) (Gesunde Menschen 2010: Gesundheit verstehen und verbessern (2. Ausgabe)). US Department of Health and Human Services. Washington D.C.: US Government Printing Office.

  4. Baker, N., Rassia, S., & Steemers, K. (2011). Designing for occupant movement in the workplace to improve health (Gestaltung für die Bewegung von Nutzern am Arbeitsplatz zur Förderung der Gesundheit). 5th International Symposium on Sustainable Healthy Buildings (S. 25 – 33). Seoul: Centre for Sustainable Healthy Buildings, Kyung Hee University.

  5. Lifetime Homes (Häuser fürs Leben). (2011). Lifetime Homes Design Guide (Gestaltungsleitfaden für Häuser fürs Leben). Watford: BRE Press.

  6. Mehta, R., & Zhu, R. (2009). Blue or red? Exploring the effect of colour on cognitive task performances (Blau oder rot? Der Einfluss von Farben auf die Leistungsfähigkeit bei kognitiven Aufgaben). Science, 1226 – 1229.

  7. Meyers-Levy, J., & Zhu, R. (2007). The influence of ceiling height: The effect of priming on the type of processing that people use (Der Einfluss der Raumhöhe: Die Wirkung von Grundierungen auf verwendete Verarbeitungsarten). Journal of Consumer Research, 174 – 186.

  8. Vartaniana, O., Navarrete, G., Chatterjee, A., Fich, L., Leder, H., Modrono, C., et al. (2013). Impact of contour on aesthetic judgments and approach-avoidance decisions in architecture (Die Wirkung von Konturen auf die ästhetische Beurteilung und Annäherungs-Vermeidungs-Entscheidungen in der Architektur). PNAS (Proceedings of the National Academy of Sciences, USA), 10446 – 10453.

  9. Unwin, S. (2015). Twenty-five buildings every architect should understand (25 Gebäude, die jeder Architekt verstehen sollte). Abingdon: Routledge.

  10. King, D., Thompson, P.,&Darzi, A.(2014).Enhancing health and well-being though ‘behavioural design’ (Gesundheit und Wohlbefinden durch „Behavioural Design“). Journal of the Royal Society of Medicine, 336 – 337.