Die Auswirkungen von Kunstlicht bei Nacht

Beim Betrachten des Nachthimmels verspüren die meisten von uns eine ganz enge Verbindung mit dem Universum. Doch Sternenhimmel und mondhelle Nächte sind für die meisten Stadtbewohner selten geworden. Angesichts des Schadens, den zu viel Licht in der Nacht den Menschen und dem Ökosystem zufügt, ist es an der Zeit, unsere Beziehung zur „Nachtseite“ unseres Lebens und unserer Kultur zu überdenken. 

Von Paul Bogard, Schriftsteller und Assistenzprofessor für Englisch an der James Madison University in Harrisonburg, Virginia, USA.

„Wenn die Sterne nur für eine Nacht in tausend Jahren erschienen, wie würden die Menschen die Stadt Gottes, die ihnen darin erschienen ist, bewundern und die Erinnerung daran über viele Generationen bewahren!” – Ralph Waldo Emerson (1836)

Die meisten von uns können sich diesen Anblick heute schon gar nicht mehr vorstellen, wenn die natürlichen Lichter des Nachthimmels über uns leuchten, ein rötlicher Schimmer des im Westen untergehenden Mondes und die Sterne orange, blau, grün und golden schimmernd quer über den Horizont tanzen. Dieser Anblick hat Maler, Schriftsteller, Musiker, Dichter, Erzähler, Philosophen, Wissenschaftler und Träumer seit Anbeginn der Menschheit inspiriert. Er hat für alle Zeiten festgelegt, was es heißt, ein Mensch zu sein. Heute jedoch ist uns genau dieser Anblick wegen der Lichtverschmutzung (unser verschwenderischer Umgang mit Kunstlicht in der Nacht) zum größten Teil verloren gegangen.

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Ich hatte das Glück, in Minnesota aufzuwachsen, wo meine Familie ein kleines Ferienhaus im nördlichen Teil des Bundesstaats besitzt. Mein ganzes Leben lang habe ich dort einzelne Tage oder ganze Wochen verbracht und die wahre, natürliche Nacht kennengelernt. Damit meine ich eine Nacht ohne allgegenwärtiges künstliches Licht, das unsere Sicht zum Himmel blockiert. Ich meine die Milchstraße, die sich über uns erstreckt, die Nordlichter, die ihren lichten Schleier am Firmament ausbreiten, Sternschnuppen, die in gerader Linie durch den Himmel schneiden, und Mondlicht, so hell, dass man dabei lesen kann.

Bei der Recherche für mein Buch „The End of the Night“ (das Ende der Nacht) reiste ich an Orte wie die Sahara in Marokko und das Death Valley in Kalifornien, um einen Nachthimmel zu erleben, der in seiner Erhabenheit schon fast irreal wirkt. Ich bin überzeugt, dass die natürlichen Lichter des Sternenhimmels und des Mondes für unsere moderne Kultur unverzichtbar sind und bleiben. Mit ihrer Ehrfurcht einflößenden Schönheit spricht die Nacht unsere instinktive Vorstellungskraft und Kontemplationsfähigkeit an und ist mit ihren natürlichen Lichtquellen wie ein treuer Freund, immer da, auf unsere Rückkehr wartend, mit einer immer noch starken Kraft, unsere Träume, unseren Glauben und unsere Mythen zu gestalten – wenn wir uns nur daran erinnern würden.

 

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Foto: Adam Mørk

Ein immer hellerer Planet

Natürlich leben wir in einer ganz anderen Zeit als Ralph Waldo Emerson. Wegen des Kunstlichts wissen wir nicht mehr, was natürliches Licht ist. Satellitenbilder der Erde auf der Nachtseite zeigen große Bereiche von Nordamerika, Europa, des Nahen Ostens und Asiens, die von elektrischem Licht getränkt sind. Nicht nur die Städte werden immer heller; auch ländliche Regionen haben viel von ihrer natürlichen Dunkelheit verloren. Traurigerweise wird unsere Welt fast nirgends dunkler, sondern beinahe überall wird es immer heller. Aus einer einst alltäglichen Erfahrung – dem Spaziergang bei Nacht, bei dem der Blick tief ins Universum reicht – ist heute ein seltenes Erlebnis geworden.

Aber es wäre töricht anzunehmen, dass diese Lichtverschmutzung nur ein Problem für Sternliebhaber ist. Experten schätzen die volkswirtschaftlichen Kosten, die das Phänomen verursacht, weltweit auf mehr als 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Die körperliche Gesundheit des Menschen ist gefährdet – ebenso wie die Ökosysteme, von denen wir abhängen. Vielleicht am überraschendsten ist die Tatsache, dass der übermäßige Gebrauch von Kunstlicht auch unsere Sicherheit gefährdet.

Doch es gibt auch gute Nachrichten. Durch verantwortungsvolles Lichtdesign und durchdachte Gebäudegestaltung können wir den Zauber der Nacht zurückbringen. Wir können die Vorzüge elektrischen Lichts genießen, ohne das natürliche Licht zu opfern. In diesem Video erfahren Sie mehr darüber, warum wir sowohl das natürliche Licht als auch die Dunkelheit brauchen, um gesünder zu sein:

 

 

Licht in der Nacht – Bedrohung unserer Gesundheit?

Wenn es um Licht geht, leben wir in einem dynamischen Zeitalter. Immer mehr Städte ersetzen ihre elektrische Beleuchtung durch LEDs (lichtemittierende Dioden). Langfristig könnten diese die Situation allerdings noch verschlimmern, weil sie in hohem Maße weißes Licht mit hohen Blauanteilen enthalten. Dies ist für Menschen und andere Lebewesen währen der Nacht die schädlichste Art von Licht, da die blauen Wellenlängen unserem Körper signalisiert „aufzuwachen“. Dadurch wird der zirkadiane Rhythmus aus dem Gleichgewicht gebracht, der als interner 24-Stunden-Taktgeber die Gesundheit unseres Körpers koordiniert. Unser Organismus lässt sich mit einem Orchester vergleichen, bei dem jedes Organ ein Instrument ist und der zirkadiane Rhythmus der Dirigent. Wenn der Dirigent den Überblick verliert, spielt das ganze Orchester falsch.

Sind wir nachts Kunstlicht ausgesetzt, kann dies weiterhin zu Schlafstörungen führen. Im 21. Jahrhundert berichten immer mehr Menschen, insbesondere in den Städten, dass sie nicht genügend Schlaf bekommen bzw. schlecht schlafen. Dies wiederum steigert die Anfälligkeit gegenüber Krankheiten aller Art. Schlafforscher erkennen einen starken Zusammenhang zwischen langen Beleuchtungs- und kurzen Schlafdauern. Diesen Schlafmangel bringen die Forscher mit einem gesteigerten Risiko für Übergewicht, Diabetes und Depressionen in Verbindung.

Weiterhin, und vielleicht am besorgniserregendsten, haben Wissenschaftler einen Zusammenhang zwischen nächtlicher Beleuchtung und erhöhtem Risiko für Brust- und Prostatakrebs hergestellt. Wie sich zeigt, schütten wir das Hormon Melatonin nur bei Dunkelheit aus, weswegen es von vielen auch das „Schlafhormon“ genannt wird. Sind wir nachts Kunstlicht ausgesetzt, wird seine Produktion behindert. Es wurde herausgefunden, dass ein Mangel an Melatonin im Blutkreislauf das Risiko einer Entwicklung bzw. einem Wachstum von Krebs erhöht. Angesichts so vieler Faktoren in unserem modernen Leben, die unser Krebsrisiko erhöhen, stellt sich die Frage, warum wir unnötigerweise einen weiteren Faktor ins Spiel bringen, indem wir uns Kunstlicht bei Nacht aussetzen.

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Foto: Daniel Blaufuks

Nächtliche Ökosysteme

Darüber hinaus schädigt die Lichtverschmutzung auch unsere Umwelt. Etwa 30 % aller Wirbeltierarten und über 60 % der Wirbellosen sind nachtaktiv. Zahlreiche weitere Tiere sind in der Morgen- und Abenddämmerung auf Nahrungssuche. Sie alle sind durch die zunehmende Beleuchtung in der Nacht gefährdet. Ein italienischer Wissenschaftler erzählte mir einmal: „Das Beleuchtungsniveau in unseren Städten ist hundertmal höher als das natürliche Licht während der Nacht. Was würde geschehen, wenn wir das Tageslicht so herunterdimmen würden, dass die Sonne nur noch ein Hundertstel so hell schiene?“ Seine Schlussfolgerung lautete: „Wenn man das Licht während der Hälfte der Zeit derart drastisch verändert, bleibt das nicht ohne Konsequenzen.

Einige Beispiele dieser Konsequenzen können wir bereits bei Vögeln, Meeresschildkröten und Insekten beobachten. Die meisten Zugvögel sind nachts unterwegs. Die Lichtverschmutzung verwirrt diese Vögel und bringt sie in Gefahr. Sie kollidieren mit Lichtquellen, umkreisen sie, bis sie vor Erschöpfung sterben, oder werden von den Städten angelockt, wo sie gegen Gebäude fliegen. In ähnlicher Weise hat die Evolution bei Meeresschildkröten über hunderte von Millionen Jahren dazu geführt, dass sie nachts an Stränden ihre Eier ablegen und auf das hellste Licht am Horizont zukriechen.

Hunderte von Millionen Jahre lang war das hellste Licht das natürliche Licht des Mondes und der Sterne über dem Meer gewesen – heute aber sind das häufig die Hotels und Straßenlampen, d. h. die kleinen Meeresschildkröten kriechen weg vom Meer und in ihren Tod. Auch eine riesige Menge von Insekten wird durch Licht in den Tod gerissen. Eine neue Lichtquelle in einer bislang dunklen Gegend zieht die Insekten an und entnimmt sie auf diese Weise dem Ökosystem. Da so viele andere Arten von Insekten als Nahrung abhängig sind, werden durch den Tod der Insekten ganze Nahrungsketten geschädigt. Wir beginnen gerade erst zu verstehen, wie schädlich die Lichtverschmutzung für die Umwelt ist. Eines jedoch ist sicher: Das Leben auf der Erde hat sich in der Helligkeit am Tag und der Dunkelheit bei Nacht entwickelt und alles Leben braucht die Dunkelheit für eine optimale Gesundheit.

Heller ist nicht immer besser

Aber brauchen wir all das Licht nicht für unseren eigenen Schutz? Tatsächlich kann Licht dazu beitragen, dass wir sicherer unterwegs sind, aber mehr Licht heißt nicht zwangsläufig mehr Sicherheit. Unglücklicherweise nehmen wir aber genau das an und nutzen dabei nachts unnötige Lichtmengen und das in einer Weise, die unsere Sicherheit sogar eher beeinträchtigt.

Man muss verstehen, dass das Licht selbst nicht das Problem ist, sondern die Art und Weise, wie wir es einsetzen. Besonders helle Lichtquellen erschweren es uns beispielsweise, nachts überhaupt etwas zu erkennen. Das ist häufig beim Autofahren der Fall, wodurch das Unfallrisiko steigt. Helles Licht sorgt weiterhin auch für Schatten, in dem sich unter Umständen Kriminelle verstecken können. Wir können sie im Schatten nicht entdecken, aber sie sehen uns die Straße entlanglaufen. Letztendlich erzeugt helles Licht nur eine Illusion von Sicherheit, d. h. wir glauben uns in Sicherheit, sind es aber nicht.

Niemand behauptet, dass man nachts komplett auf elektrisches Licht verzichten sollte. Doch allzu oft gehen wir unverantwortlich und verschwenderisch damit um. Was wir tatsächlich brauchen, ist eine durchdachte und intelligente Beleuchtung, die uns hilft, bei Nacht zu sehen, statt einfach alles in helles Licht zu tauchen.

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Foto: Adam Mørk

Eine Strategie zur Bewahrung der Nacht

Die gute Nachricht: Wir können die Lichtverschmutzung jederzeit kontrollieren.

  1. Architekten, Gebäudeplaner und Lichtdesigner können für die Bedeutung des natürlichen Lichts bei Nacht und die Probleme der Lichtverschmutzung sensibilisiert werden, sodass sie natürlichen Lichtquellen in ihren Entwürfen entsprechende Priorität einräumen und damit die Probleme der übermäßigen und missbräuchlichen Nutzung von Kunstlicht minimieren.
  2. Wir können unsere Lichtquellen abschirmen. Tatsächlich wäre es dadurch möglich, die Lichtverschmutzung zu halbieren. Leuchten abzuschirmen bedeutet, dass diese nur noch auf den Boden statt Richtung Himmel, in unsere Augen oder in die Fenster unserer Nachbarn strahlen. Dies geschieht natürlich am besten schon vor der Installation der Lichtquellen, indem wir solche auswählen, die nur nach unten leuchten. Auch Lichtsysteme, die so programmiert werden, dass sie zu bestimmten Zeiten während der Nacht gedimmt oder ganz ausgeschaltet werden, wären eine sinnvolle Verbesserung.
  3. Auch auf kommunaler Ebene gibt es Möglichkeiten zur Veränderung. Wann immer bei Bauprojekten neue Lichtquellen im öffentlichen Raum installiert werden, sollten wir sicherstellen, dass sie „nachthimmelfreundlich“ sind, also nur auf den Boden strahlen. Wir können darauf einwirken, dass Verwaltungen, Schulen, Unternehmen und Städte Lichtquellen auswählen, die das Problem nicht verstärken. Es gibt keinen Grund, neue Lichtquellen zu installieren, die in den Himmel oder unsere Augen strahlen. Wir können verlangen, dass ältere Lichtquellen abgeschirmt oder ausgeschaltet werden. Alte Lampen brennen irgendwann durch und müssen ersetzt werden. Dabei können sie durch solche ersetzt werden, die das Problem der Lichtverschmutzung verringern anstatt es zu verschlimmern.

All diese Maßnahmen erfordern zunächst das Bewusstsein, dass die Lichtverschmutzung ein Problem darstellt. Vor zwanzig Jahren hatten die meisten Menschen noch nie von diesem Phänomen gehört, doch das ändert sich rapide. In einer Zeit knapper Budgets und zunehmender Besorgnis über Klimaveränderungen ist der Kampf gegen die Lichtverschmutzung gleichzeitig ein vergleichsweise einfacher Weg, um Geld zu sparen und unsere CO2-Bilanz zu verbessern. In Europa und den USA gibt es Städte und Dörfer, die Pionierarbeit bei der Reduzierung der Lichtnutzung leisten. Auch auf nationaler Ebene gibt es Maßnahmen, z. B. hat Frankreich 2012 eine landesweit gültige Beleuchtungsvorschrift erlassen, um CO2-Emissionen zu reduzieren, Geld zu sparen und die nächtliche Lichtatmosphäre zu bewahren.

Organisationen wie die International Dark-Sky Association engagieren sich dafür, ein weltweites Bewusstsein für das Problem der Lichtverschmutzung zu schaffen. Kurz gesagt, gibt es viele gute Gründe die Lichtverschmutzung unter Kontrolle zu halten, und praktisch keine Gründe, es nicht zu tun. Wir können Kunstlicht verantwortungsvoll und rücksichtsvoll nutzen und gleichzeitig dem natürlichen Licht der Nacht Respekt entgegenbringen.

Für eine neue Kultur der Lichtgestaltung

Allzu häufig vergisst man als Stadtbewohner, dass die Nacht die Hälfte unseres Lebens, unserer Tage und sogar der Welt ausmacht. Ich bin überzeugt, dass uns allen eine instinktive Liebe für die Schönheit der Erde gemein ist. Da wir aber so abgeschnitten von der Natur leben, sind wir von dem, was geschieht, weit weniger besorgt, als wir es sein sollten. Die natürliche Dunkelheit etwa ist den meisten Menschen so fremd geworden, dass ihnen gar nicht bewusst ist, was sie verlieren, wenn sie die Nacht mit künstlichem elektrischem Licht fluten.

Nächtliches Licht hatte schon immer einen erheblichen Symbolwert in der menschlichen Kultur. Ein Licht in der Ferne kann uns ein Willkommen und Wärme, ein Heim und eine Feuerstätte verheißen. Die natürlichen Lichter über uns können Inspiration und Schönheit bedeuten. Doch in einer von Kunstlicht überfluteten Welt senden wir vor allem die Botschaft, dass wir verschwenderisch und rücksichtslos leben. Die Lichtverschmutzung steht für eine Kultur, die wenig übrig hat für den Zauber der Nacht oder, ganz allgemein gesprochen, für die Nutzung der begrenzten Ressourcen unsere Erde.

Andererseits stehen Gebäude- und Lichtkonzepte, die das natürliche Licht der Nacht wertschätzt, d.h. nur ein Minimum an Kunstlicht nutzen und Beleuchtung rücksichtsvoll und intelligent einsetzen, für eine Kultur, die anerkennt, dass die Ressourcen der Erde bewahrt werden müssen. Wenn wir unsere Nächte mit Sorgfalt und Rücksichtnahme erhellen, machen wir unsere Städte lebenswerter und gestatten es dem Zauber der Nacht zurückzukehren.